Modellbahnbau und Musik – das Gesamtkunstwerk muss stimmen
von Ruth am August 19th, 2011, 08:09 Uhr
Woran erkennt man den wahren Modellbahnfan? An den glänzenden Augen und den feuchten Händen, wenn er eine Mini-Lok sieht. Hobby360.de sprach mit dem Modellbahnbauer Stefan Balciunas (Alter: 46 Jahre) über seine Leidenschaft, schöpferische Kraft und andere notwendige Fähigkeiten für das beliebte Hobby.
Woher kommt Ihre Begeisterung für Eisenbahnen im Groß- und Kleinformat?
Bei Spaziergängen als kleiner Junge kamen meine Eltern regelmäßig an einer Bahnstrecke in Eschborn bei Frankfurt/Main vorbei. Damals muss ich wohl schon regelrecht “ausgeflippt” sein. Bis heute fasziniert mich, wie ungeheure Mengen Stahl auf Schienen fortbewegt werden können. Dabei ist gerade das Erlebnis “Dampflok” beeindruckend. Der Mensch macht hierbei die Urgewalten Feuer und Dampf beherrschbar und nutzbar. Heute spielen für mich auch Überlegungen eine Rolle, wie Umweltschutz und demokratisches Massenverkehrsmittel für alle.
Sie sind von Beruf Solofagottist im Leipziger Sinfonieorchester. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Modellbahnbau und Fagott spielen?
Tatsächlich gibt es einen Zusammenhang, der noch nicht einmal mühsam konstruiert werden muss: In beiden Fällen steht die schöpferische Kraft im Vordergrund. Ich kann mit meinen Gedanken und Händen gestalten.
Zudem steht beim Fagott spielen das gemeinsame Musizieren und das Erlebnis der Musik im Vordergrund. Auch beim Modellbahnbau muss ich sehr unterschiedliche Bereiche zu einem harmonischen Gesamtkunstwerk verbinden. Dies beginnt mit der ersten Planung ähnlich wie bei Ingenieuren oder Landschaftsgestaltern.
Dann folgen Holzarbeiten und Elektrotechnik, die neuerdings erleichtert und zuweilen auch mit Digitaltechnik erschwert wird.
Die farbliche Ausgestaltung der Modellbahn legt der Fokus wieder auf den künstlerischen Aspekten. So müssen je nach Jahreszeit zum Beispiel die Farben der Landschaft zueinander passen. Aber es sind auch organisatorische Fähigkeiten gefragt. Denn die fertige Anlage sollte nicht gleich mit einem Zugunglück beginnen, weil man sich bei den Abfahrtzeiten oder Bahnhöfen verkalkuliert hat.
Wann haben Sie mit dem Modellbahnbau angefangen?
Meine erste Anlage entstand Mitte der 70er Jahre als ich die 6. Klasse besuchte. Rückblickend war sie auf mein damaliges Taschengeldbudget bezogen – in allen Belangen viel zu groß. Es war halt jugendlicher Größenwahn.
In den Jahren des Studiums und auch in den ersten zehn Berufsjahren ruhten meine Ambitionen – allerdings nur oberflächlich. Im Inneren verspürte ich ständig diesen Drang, wieder eine Modellbahn aufzubauen.
Für welche Spur haben Sie sich entscheiden und warum?
Ich besaß noch immer meine erste Lok und Wagen, die ich unbedingt wieder reaktivieren wollte. So habe ich mich wieder für die Spur HO entschieden. Und, trotz aller Modeerscheinungen in anderen Spuren, ist die HO-Spurweite mit dem umfangreichsten Programm an Herstellern überhaupt ausgestattet. Auch das sprach für die HO-Spurweite.
Wie sieht Ihre Bahn heute aus?
Ich habe versucht, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen: meine Bahn ist heute kleiner und klarer strukturiert – aus einem 12-gleisigen Schattenbahnhof führt eine eingleisige Paradelandschaftsstrecke wieder in ebendiesen Bahnhof zurück.
Im Landschaftsabschnitt zweigt von der Paradestrecke eine Steilstrecke zu einem Nebenbahn-Kopfbahnhof ab. Für den Kopfbahnhof diente mir als Anregung ein Bericht der DGEG (Deutsche Gesellschaft für Eisenbahngeschichte, Bochum) über den nicht mehr existenten alten Kopfbahnhof Bad Karlshafen im Weserbergland.
Der Zugverkehr der Paradestrecke wird derzeit automatisiert, wobei ich als Fahrdienstleiter und Lokführer manuell meine Züge von und nach Bad Karlshafen steuere unter Berücksichtigung des Automatikbetriebes. Die Automatisierung geschieht digital mit dem System Selectrix, das mich mit seiner Zuverlässigkeit nachwievor in Erstaunen versetzt.
Welche Ausbaupläne haben Sie?
Beruflich und familiär bedingt kann ich nicht so frei schalten und walten, wie ich möchte. Daher versuche ich immer zusammenhängend ein paar Tage zu finden, an denen ich auch verstärkt den Schritt vom Rohbau zum Landschaftsbau – der für die Seele auch mal wichtig ist – vollziehen kann.
Woher beziehen Sie Ihre Materialien?
Für einen echten Modellbahnfan führen alle Wege zum Sammeln der gewünschten Anlagenteile.
Als Nostalgiker versuche ich, mir besonders wichtiges rollendes Material auf Flohmärkten oder bei Ebay zu ergattern. Ich bin aber auch regelmäßiger Kunde bei meinem hiesigen Modellbahnhändler Modellbahn Bertram, der passenderweise in der Eisenbahnstraße ansässig ist, für rollendes Material und Zubehör sowie bei der Firma MDVR Rautenhaus aus Taucha für die Digitaltechnik.
Und natürlich steuere ich jedes Modellbahngeschäft an, an dem ich auf Konzertreisen oder im Urlaub vorbei komme. Letzteres stößt bei meiner Familie nicht immer auf Begeisterung.
Ganz wichtig ist mir die modell-hobby-spiel-Messe Anfang Oktober in Leipzig,einerseits sind meine beiden oben genannten Händler anwesend, andererseits sind alle bedeutenden Hersteller der Modellbahnbranche mit an Bord. Ich habe hier die Möglichkeit, Neuheiten erleben zu können und auch das Gespräch mit Vertretern von Herstellern zu führen. Das i-Tüpfelchen für mich sind dann die ausgestellten Schauanlagen. Hier hole ich mir Ideen und Anregungen – ja, und ein wenig messe ich auch meine Anlage mit den Ausstellungsobjekten.
Ich Informiere mich aber auch bei der Deutsche Gesellschaft für Eisenbahngeschichte.
Wenden Sie viel Zeit für Ihr Hobby auf?
Offen gestanden – viel zu wenig. Manchmal unterstützt mich meine Frau “liebevoll” und schickt mich in den Keller “zum Spielen”. Denn dort habe ich einen Raum für mich und meine Anlage.
Wie viel Geld investieren Sie für Ihr Hobby?
Leider viel zu wenig. Tatsächlich haben einzelne Modelle einiger Hersteller ein Preisniveau erreicht, das für mich nicht nur nicht zu bezahlen sondern letztlich auch im familiären Budget nicht zu vertreten ist und auch das Modellbahnhobby stark erschwert. Auch die Möglichkeiten der Digitaltechnik sind absolut beeindruckend und deshalb ist es wichtig, sich bei begrenztem Budget, vorher genau zu überlegen, was man wirklich braucht und was nicht. Ich habe mehrfach die Erfahrung gemacht, dass weniger mehr ist.
Wie geht Ihre Familie mit Ihrem Hobby um?
Gar nicht – zu meinem Bedauern, ist es mir nicht gelungen, meine drei halbwüchsigen Jungs für die Modellbahn zu begeistern. Meine Frau schaut sich meine Bahn zwar manchmal an, aber verstehen oder gar teilen kann sie meine Begeisterung – glaube ich – nicht.
Fotos: Rainer Justen






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