Seit der Mensch einigermaßen zivilisiert über das Antlitz der Welt stolpert hat er auch das Spielen für sich entdeckt. Brettspiele unterhalten Menschen – egal ob jung oder alt – bereits seit Jahrhunderten. Daran ändern auch Computer in der Neuzeit kaum etwas.
Wir haben uns mit Anja Wrede unterhalten. Die Spieleautorin und Illustratorin entwickelt seit mehr als 10 Jahren Spiele für Kinder, darunter die ausgezeichneten Brettspiele Brummi-Rennen und die Insel der Schmuggler.
Mit Ihr sprechen wir über den Alltag als Spieleautor, wie man mit einer eigenen Spieleidee umgeht und über die Zukunft der Brettspiele.
Ich möchte gern mit der Frage starten, die mir – und sicherlich auch unseren Lesern – am meisten unter den Fingernägeln brennt: Wie sieht der Alltag eines Spieleentwicklers aus? Setzen Sie sich morgens vor ein weißes Blatt Papier und haben am Abend ein fertiges Spielbrett und eine Anleitung?
Nein, es war bisher noch nie so – ich benötige mehr Zeit, und oft auch Denkpausen, in denen ich an anderen Projekten arbeite.
Mein Alltag beginnt mit einer Hunderunde mit meinem Hund – dabei grübele ich manchmal schon über Projekte nach, manchmal nutze ich die frische Luft einwach, um wach und fit zu werden.
So gegen 9 Uhr beginne ich mit meinem Arbeitstag. Das Spieleentwickeln ist für mich ein Teil meiner Arbeit, die anderen Teile bestehen aus: Illustrationen anfertigen und abstimmen, Texte verfassen, Seminare halten.
Wenn also gerade das Spielentwickeln Thema ist – entweder, weil es ein Projekt mit Termin gibt oder eine Idee meinen Kopf so sehr blockiert, dass ich mich auf nichts anderes konzentrieren kann – dann nehme ich die schon bestehenden Zutaten zu Hand oder schreibe die ersten Ansätze auf, um sie aus dem Kopf zu bekommen. Dann überlege ich daran weiter.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich bei jedem Projekt euphorische und frustrierende Momente abwechseln … doch meist schaffe ich es, durch Arbeit an anderen Projekten und kurze oder längere Denkpausen, aus der manchmal deprimierenden Phase herauszukommen und eine Lösung zu finden.
Es gibt also immer wieder mal leere weiße Blätter … oder auch bereits vollgekritzelte Seiten in meinem Ideenbuch. Wenn das Konzept steht, kann allein das Gestalten und Herstellen von Spielmaterial durchaus einige Tage in Anspruch nehmen – das ist dann kein produktionsreifes Muster, aber eben eines, dass den ersten Test übersteht und alle wichtigen Elemente enthält. Und dann kann es wieder korrigiert werden wird …
Wie sind Sie dazu gekommen Spiele zu entwickeln? Gab es ein besonderes Erlebnis das Sie dazu gebracht hat?
Das war eigentlich ein Glücksfall in meiner Berufsbiografie: Ich habe Anfang der 90er Jahre ein Praktikum bei einem Verlag gemacht und dort die Aufgabe bekommen, mit vorhandenen Materialien neue Spiele zu entwickeln. Das habe ich versucht … und es ist mir gelungen.
Nun sind Sie seit einigen Jahren selbständige Spieleautorin und veröffentlich vor allem Kinderspiele. Warum Spiele für Kinder? Sind diese einfacher oder schwerer zu entwickeln?
Ob sie einfacher oder schwieriger zu entwickeln sind als Spiele für Erwachsene kann ich gar nicht sagen – die Herangehensweise ist eben eine ganz Andere: Es kommt auf Reduktion an, insbesondere was die Fülle der Regeln und den Zugang zum Spiel angeht. Es muss viel über die Optik passieren.
Diese Herangehensweise liegt mir, was sicher auch damit zu tun hat, dass ich viel zeichne und auch oft über ein Thema oder eine Beobachtung den Einstieg in ein neues Projekt finde.
Außerdem gibt es auch noch die altersgemäßen Vorgaben, die ich zu beachten gelernt habe: Spiele zum Beispiel, bei denen alle gleichzeitig spielen und Schnelligkeit verlangt wird, sind meistens erst für Kinder ab ca. fünf Jahren geeignet – die Vierjährigen können einfach noch nicht so schnell reagieren. Dieser Punkt ist schwieriger umzusetzen – wer Spiele für Erwachsene entwickelt, muss auf altersbedingte Entwicklungsschritte und Wissenstand keine Rücksicht nehmen.
Wie gehen Sie man mit einer Idee um? Sprechen Sie mit Freunden darüber und entwickeln das Brett und die Regeln danach? Machen Sie Test-Spielrunden?
Das handhabt sicher jeder ein wenig anders. Bei mir ist es so, dass ich in den Euphoriephasen dazu neige, meine Freunde “vollzutexten”. In den deprimierenden Phasen versuche ich manchmal auch im “darüber Reden” mit Freunden Lösungen für die Probleme zu finden, die aufgetreten sind. Ich spreche also eigentlich immer zu bestimmten Zeiten mit bestimmten Leuten über meine laufenden Projekte.
Die Testrunden folgen dann in jedem Fall, die finden bei meinen Projekten im Kindergarten und im Hort statt. Oder mit befreundeten Familien, wenn es passt.
Es gibt zehntausende Spiele auf der Welt. Haben Sie manchmal auch Ideen zu Spielen, bei denen Sie dann feststellen: Die gibt es ja schon?
Bei den Projekten, die ich entwickle, spielen oft das Thema und die Umsetzung eine wichtige Rolle: Ja, das ist mir schon passiert. Zuerst erschrecke ich mich, schaue mir dann mit etwas Abstand das betreffende Spiel an und entscheide dann, ob mein Projekt leider zu ähnlich ist (… und deshalb im Papierkorb verschwinden muss) oder ob es sich doch mehr unterscheidet, als der erste Eindruck vermuten lässt (… und ich deshalb weiter daran arbeiten kann).
Natürlich kenne ich nur einen Bruchteil aller Spiele, die es insgesamt gibt. Aber wenn ich auf Messen unterwegs bin, schaue ich schon, welche neuen Spiele es gibt. Eben auch, um auszuschließen, dass ich an etwas arbeite, was bereits veröffentlicht ist.
Angenommen ich habe eine eigene Spieleidee, wie gut stehen heute die Chancen diese zu veröffentlichen? Ist es einfacher oder schwerer als vor 10 Jahren?
Das kann ich gar nicht so pauschal beurteilen: Es gibt heute meiner Wahrnehmung nach etwas mehr Verlage in Deutschland, die Spiele für Kinder veröffentlichen. Aber es gibt eben auch mehr Autoren, die in diesem Bereich arbeiten. Was leider in jedem Fall so ist: Spiele haben – wie auch Bücher – heute eine viel kürzere Laufzeit als vor 10 Jahren. Sie haben also viel weniger Zeit, um sich durchzusetzen und bekannt zu werden.
Heute wie auch vor 10 Jahren kommt es darauf an, seine Idee zum richtigen Zeitpunkt beim richtigen Verlag vorzustellen – etwas Glück und Timing ist also in jedem Fall dabei.
Wohin kann man sich mit seiner Idee wenden? Mit wem kann ich ins Gespräch kommen, wenn ich Fragen zur Spieleentwicklung habe?
Es gibt in Deutschland mehrere Autorentreffen.
Dort gibt es zum einen die Möglichkeit sich mit Kollegen auszutauschen, zum anderen bieten vor allem die Treffen in Göttingen und München die Möglichkeit direkt Kontakte zu Verlagen zu bekommen.
Zu ganz allgemeinen Fragen zum Thema, wie “Hilfe, ich habe ein Spiel erfunden, was muss ich jetzt tun …”, gibt es mittlerweile viele gute Informationsquellen im Netz. Zum Beispiel bei Ravensburger.
Und auch auf der Leipziger modell-hobby-spiel gibt es einen Anlaufpunkt: Den Stand der Spieleautorenzunft SAZ. Dort beantworten Mitglieder des Berufsverbandes der Spieleautoren ehrenamtlich Fragen.
Die SAZ bietet viele weitere Informationen und man kann über sie Kontakt zu anderen Spieleautoren aufnehmen und ihn erhalten.
Zum Abschluss unseres Gesprächs lassen Sie uns einmal in die Zukunft blicken: Immer mehr Jugendliche sitzen heute eher vor dem Computer als am Tisch, um Brettspiele zu spielen. Mittlerweile wandern Spiele wie Monopoly, Die Siedler von Catan oder das diesjährige Spiel des Jahres, Keltis, auch auf den Computer. Sterben Brettspiele bald aus?
Ich glaube nicht – dazu muss man sich in meinem Arbeitsbereich nur anschauen, wie viel Spaß Kinder und auch Familien gemeinsam beim Spielen haben.
Obwohl auch die Kleinen immer fitter am Computer sind, werde ich in meinen Testrunden immer freudig begrüßt. Spiele sind einfach ein wunderbares Medium um gemeinsam Zeit zu verbringen … und im besten Fall auch eine tolle.
Obwohl ich zugeben muss, dass ich auch schon einmal gegen den Gameboy verloren habe: Ich hatte einen Testtermin im Hort vereinbart und dieser Tag war gleichzeitig einer der seltenen Gameboy-Tage, weil der Erzieher mein Kommen nicht eingetragen hatte. Die Kinder waren letztlich so in das digitale Spielen vertieft, dass ich mit ungespielten Spielen und einem neuen Termin von dannen zog …
Ich glaube allerdings, dass, so lange es Menschen gibt, die sich für Spiele einsetzen, Brettspiele weiter bestehen werden.
Auch Bücher gibt es ja weiter, trotz der Konkurrenz des Computer.
Vielen Dank für das Interview.